KIRCHE ST. ULRICH

Video Glockengeläut

Der Zugang zur St. Ulrichkirche ist über den rechten Seiteneingang beim Gemeindehaus barrierefrei.

DER NEUBAU VON 1927 / 1928

Im Jahre 1927 wurde die viel zu klein gewordene alte Pfarrkirche abgebrochen. Der Turm blieb stehen. Das Chorgewölbe wurde sorgfältig abgebaut, um es in der neuen Kirche wieder zu verwenden. Pfarrer Peter Broß wagte zusammen mit der Kirchengemeinde in wirtschaftlich schwieriger Zeit den Neubau, nachdem man sich für die Pläne der Architekten Schilling und Lütkemeier (Rottenburg) entschieden hatte. 

Die farbliche Gestaltung des Raumes wurde Kunstmaler Albert Birkle (Berlin, jetzt Salzburg) übertragen. Für die Steinplastiken an der Westfassade (St. Ulrich, St. Josef, St. Sebastian) bekam Bildhauer Eisele (Stuttgart) den Auftrag.

Bereits am 28.10.1928 wurde die neue Kirche von Bischof Dr. Joannes Baptista Sproll eingeweiht.

A. Pfeffer, der damalige Pfarrer von Lautlingen, hat das gelungene Bauwerk folgendermaßen beschrieben:
"Wie der Architekt den gotischen Chor mit seinem reichen Gewölbesystem in den Dienst eines modern empfundenen Bauwerkes einstellt, ihn durch einen Chorumgang weitet, wie er das mittelalterliche Gewölbesystem im Chor und das moderne Lamellengewölbe im Schiff zu einer künstlerischen Einheit und zum Zusammenklingen gestimmt hat, jedem seine Sondersprache belassend, wie der Raumkünstler dem Schiff eine kühlere Stimmung verliehen, die Hauptschiffsdecke in raffinierter Technik aufgelöst und farbig wirksam behandelt,
den Chor mit seinem prachtvollen Gewölbe in funkelndes Gold und glühendes Rot und Orange getaucht und eine wundersam feierliche sakrale Weihestimmung geschaffen hat, verdient höchste Anerkennung. 

Gerade die Übereinstimmung zwischen den konstruktiven und baukörperlichen Elementen im Kirchenbau und der farbigen, auf höchste sakrale Wirkung eingestellten Wand- und Deckenbehandlung ist eine so glückliche und einheitliche, dass der Kirchenbau in Geislingen als ein Markstein in der Geschichte des Kirchenbaus in der Diözese dasteht."

Die Mittel reichten 1928 nicht aus, um die Pläne für einen dem majestätischen Kirchenraum ebenbürtigen Altar zu verwirklichen. So wurde nur ein äußerst schlichtes Provisorium erstellt, das 1984 entfernt wurde, um im Rahmen der Innenrenovation einer würdigen und endgültigen Altarraumgestaltung Platz zu machen.

DER ALTAR

Den neuen Altar schmücken vier Gewölbekonsolen aus der alten Kirche. Sie bekunden die Verbundenheit mit den Menschen, die im Lauf der Jahrhunderte hier geglaubt und gebetet und das Opfer Jesu Christi gefeiert haben. Der Altar soll auch für künftige Generationen die Mitte der Gemeinde sein.
Der erste Engel mit dem Wappen der Gemeinde verpflichtet die zum Gottesdienst Versammelten zu Eintracht und Frieden. Der zweite mit den Attributen des Kirchenpatrons St. Ulrich erinnert an die Gemeinschaft der Heiligen. Der Engel mit dem Wappen des damaligen Papstes Johannes Paul II ruft zur Solidarität mit der Weltkirche. Das Wappen von Bischof Dr. Georg Moser schließlich verweist nicht nur auf den Konsekrator des Altares, sondern auch auf die Geschichte des christlichen Glaubens und Lebens, die einst mit den Aposteln begonnen hat. So ist dieser Altar ein Bekenntnis zur einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche, der es aufgetragen ist, den Tod ihres Herrn zu verkünden und seine Auferstehung zu preisen, bis er kommt in Herrlichkeit.

DER TABERNAKEL

Das "Neue Jerusalem" aus der Offenbarung des Johannes ist das Thema der Tabernakeltüren: "Die Stadt hat eine große und hohe Mauer mit zwölf Toren und zwölf Engeln darauf. Auf die Tore sind Namen geschrieben: die Namen der zwölf Stämme der Söhne Israels ... Die Mauer der Stadt hat zwölf Grundsteine; auf ihnen stehen die Namen der zwölf Apostel des Lammes." (Offb 21, 12.14)

Als optischer Mittelpunkt der Kirche weist der Tabernakel hin auf den Zielpunkt unserer christlichen Existenz: auf das Reich der Vollendung, auf die endgültige Communio, die ewige Teilhabe am Leben des Dreifaltigen Gottes. Der Tabernakel wird von zwei Säulen gehalten, die wie Arme und offene Hände zum Kreuz empor weisen: Das Neue Jerusalem ist nicht Menschenwerk, sondern Frucht des Kreuzes.
Die Mensa des ehemaligen Hochaltares ist in die Säulen miteingefügt, auch hier, an diesem "modernsten" Teil der Chor-Neugestaltung, Geschichte und Gegenwart miteinander verbindend

DER AMBO

Der Ambo als "Tisch des Wortes" ist Gegengewicht zum Altar, dem Tisch des Opfermahles. Wort und Sakrament gehören zusammen.
Im Ambo gefasst sind die von der Kanzel der alten Kirche stammenden Figuren der vier Evangelisten. Wenn auch ihr Kunstwert nicht sonderlich hoch eingeschätzt wird, so sind sie doch Sichtbares Zeichen dafür, dass Gottes Wort von unseren Vorfahren an uns weiterverkündet wurde und dass wir in der Pflicht stehen, den Glauben an die kommende Generation weiterzugeben.
Es scheint fast, als ob die zierlichen Holzfiguren vom schweren Stein erdrückt werden. Aber lastet Gottes Wort nicht manchmal recht schwer auf uns Menschen? Und doch trägt, schützt und birgt es uns - wie ein mächtiger Fels im Gewoge des Lebens.

DER TAUFSTEIN

Der kelchförmige Taufstein aus der alten Kirche führte bis zur Renovation ein Schattendasein. Unbemerkt und unbenützt stand er in der dunkelsten Ecke der Kirche. Entsprechend war ja das Taufverständnis bis in die jüngste
Vergangenheit: Taufe war fast ausschließlich Familienangelegenheit, häufig in der Wohnung oder in der Klinik gespendet, selten in der Kirche und noch seltener im Beisein der Gemeinde.

Der Taufstein steht jetzt vor den Stufen, die zum Altar hinaufführen, im Blickfeld der Gemeinde. Steht er da nicht im Weg, vor allem bei feierlichen Anlässen, als regelrechter Stein des Anstoßes? Gegenfrage: Ist es so schlimm, wenn wir auf diese Weise ständig an unsere Taufe erinnert werden? "Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben." (Röm 6,3.4)

DAS KREUZ

Der Christuskörper des mächtigen, raumbeherrschenden
Kreuzes ist eine Arbeit des Balinger Bildhauers Simon
Schweizer um 1600.

DIE PIETA

Ein besonderes Kunstwerk besitzt Geislingen in der Darstellung der Schmerzhaften Muttergottes aus dem 15. Jahrhundert. Sie befand sich bis 1970 in der Heilig-Kreuz-Kapelle beim jetzigen Friedhof und wurde 1975 in dem Raum neben dem Haupteingang aufgestellt, zusammen mit zwei weiteren Heiligenfiguren (St. Blasius und St. Wendelin), die aus Sicherheitsgründen aus der Kapelle in die Pfarrkirche übernommen wurden.

HL. ULRICH

 

Die Statuen des heiligen Ulrich und des heiligen Martin waren schon 1928 aus der alten Kirche in die neue übernommen worden.

Woher stammen diese wertvollen Schnitzwerke? Es ist kaum anzunehmen, dass diese fast 1.60 Meter großen Figuren für eine kleine Dorfkirche geschaffen worden sind. Nach einer mündlichen Überlieferung sollen sie in der Reformationszeit von Balingen nach Geislingen gebracht worden sein. Gehörten sie womöglich zusammen mit der berühmten "Balinger Madonna" in den Schrein des ehemaligen spätgotischen Hochaltars der Stadtkirche? Manches scheint darauf hinzudeuten. Dann allerdings müssten sie dem Umkreis der "Ulmer Schule", näher hin der Werkstatt des jüngeren Jörg Syrlin zugeschrieben werden. 

WEITERE DARSTELLUNGEN

 

Noch aus der alten Kirche stammen die beiden Holzplastiken der heiligen Barbara und der heiligen Katharina an der Emporenbrüstung. Die um 1510/20 entstandenen Figuren wurden 1985 von Übermalungen befreit und gründlich restauriert.

Mehr als die Hälfte der Grundfläche der jetzigen Kirche gehörte zum ehemaligen Friedhof. Daran und an frühere Adelsgeschlechter erinnern die verschiedenen Grabsteine und Totenschilde, die 1928 in der neuen Kirche einen Platz bekommen haben und so vor dem Zerfall gerettet wurden. Sie sind ein Zeichen der Vergänglichkeit alles Irdischen, zugleich aber auch Zeichen des Glaubens an die Verheißung ewigen Lebens.

Von Professor Albert Birkle stammen die großfigurigen Freskobilder der Muttergottes und des heiligen Josef über den schlichten Seitenaltären, gekrönt vom Bild des thronenden Erlösers am Scheitel des Chorbogens. Die Fresken wurden 1984 sorgfältig gereinigt und präsentieren sich in ihrer ursprünglichen Farbigkeit.